Eine sehr spannende Zeit!

Was ist das Goetheanum Studienjahr und in welchem Rahmen ist es entstanden? 

CK: Das Goetheanum Studienjahr ist ein Angebot für junge Menschen aus ihren Fragen die Wirklichkeit von Mensch und Welt zu erforschen und durch das Kennenlernen von Anthroposophie Perspektiven zu einer spirituellen Welterkenntnis zu erleben.

Was ist das Besondere an diesem Studienjahr und inwiefern unterscheidet es sich von anderen Studienprogrammen? 

CK: Dieses Studienjahr bietet die Möglichkeit, sich mit den eigenen Fragen so auseinanderzusetzen, dass man sie präziser formulieren und erkennen kann. Die Präzision in der Fragestellung ermöglicht einem auf weitere Sicht neue Einblicke in den Erkenntnisbereichen.

Durch die Auseinandersetzung mit Werken Rudolf Steiners und auch mit den grossen Werken der Geistesgeschichte - wie z. B. Platon, Nicolaus Cusanus, Descartes oder Hannah Arendt - suchen wir die eigenen Fragen aus der Gegenwärtigkeit heraus zu stellen und ihnen nachzugehen.

Was sollten Menschen mitbringen, die sich für das Studium am Goetheanum interessieren? 

CK: Studieninteressierte sollten ein grosses Interesse an die Welt und für den Menschen, für Erkenntnis und Verwandlungsprozessemitbringen. 

Im Rahmen des Studienjahres beschäftigen sich die Studierenden in kleinen Gruppen mit den Hauptwerken Rudolf Steiners, „Philosophie der Freiheit“, „Wie erlangt man Erkenntnis der höheren Welten?“ und „Theosophie“. Du selbst bist Dozentin im Studienjahr und bietest in diesem Rahmen ein Blockseminar zu „Theosophie“ an. Zu welchen Erkenntnissen kommt ihr zur Zeit in der Beschäftigung mit diesem Werk und welche aktuellen Bezüge tun sich auf? 

CK: In seinem Werk „Theosophie“ beschreibt Rudolf Steiner die menschliche Wesenheit in ihrem Zusammenklang mit der Welt. Es ist also eine Menschenkunde, die über das Verstehen des Menschen als isoliertes Wesen hinaus geht und ihn in seiner Bezüglichkeit, die ihn und die Welt letztlich konstituiert, zu begreifen versucht. 

Die Website des Goetheanum Studienjahres beschreibt das Studium aus drei Perspektiven: Aus - innerer Beweglichkeit, Liebe zur Sprache, Lust zu Engagement Durch - Textstudium, Künstlerische Kurse, Studienreise Für - Selbstständiges Urteil, Gesprächsfähigkeit, Weltveränderung. Was machen Studierende nach dem Studium, wie zeigen sich die Ergebnisse des Studiums? 

CK: Das ist sehr individuell. Viele Studierende setzen im Anschluss an ihr Studium entweder ein davor begonnenes Studium fort oder beginnen ein neues Studium (z. B. ein Masterstudium), andere entschliessen sich für eine Aufgabe in der Arbeitswelt.

Teil des Goetheanum Studienjahres ist u.a. eine Studienreise. Ausserdem wählen alle Studierende zu Anfang des Jahres ein Projekt, mit dem sie sich im Laufe des Jahres selbstständig beschäftigen. Warum ist die Studienreise und das individuelle Projekt Teil des Studiencurriculums? 

CK: Die Studienreise ist eine Möglichkeit anhand von dem Erlebnis eines Kunstwerkes, wie z.B. der Kathedrale von Chartres, Momente der menschlichen Bewusstseinsgeschichte kennenzulernen. 

Das eigene Projekt gibt unseren Studierenden die Möglichkeit einen Schwerpunkt in Themenbereichen des eigenen Interesses zu setzen. Der Schwerpunkt kann sowohl in bereits vorhandenen Interessen liegen als auch einen Bereich des Studiums vertiefen. 

Welche Themen haben Studierende in diesem Jahr für ihr individuelles Projekt gewählt? 

CK: In diesem Jahr wählten die Studierenden u.a. Themen wie "Sprachentwicklung", "Der Begriff der Kunst von der Antike bis in die Gegenwart" oder "Goethes Pflanzenmetamorphose". 

Persönliches Forschungsgebiet

Außer Dozentin im Goetheanum Studienjahr zu sein, leitest Du auch die Jugendsektion am Goetheanum. Worin besteht Deine Arbeit mit Jugendlichen in der Sektion und inwiefern können Studierende im Goetheanum Studienjahr auch in diesem Rahmen mitwirken? 

CK: Die Jugendsektion ist eine der Abteilungen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft am Goetheanum. Sie ist ein Ort für die Fragen, Projekte und Initiativen junger Menschen. Ein Ort, an dem Fragen aus der Gegenwart gestellt werden können. Ein Raum in dem junge Menschen in der Auseinandersetzung zwischen dem, was sie in die Welt tragen wollen und dem, was von der Welt her notwendig ist,  die Fragen zur eigenen Lebensgestaltung entwickeln können. 

Rudolf Steiner hat die Jugendsektion auch ‘Sektion für das Geistesstreben der Jugend’ genannt. Das Geistesstreben im Sinne der Fragestellung nach der Wirklichkeit in ihrer Ganzheit, auch in ihrer spirituellen Dimension. Jeder, der hier studiert, ist herzlich eingeladen teilzunehmen.

Du hast über das Werk des deutschen Philosophen Nicolaus Cusanus in São Paulo an der USP promoviert. Cusanus schreibt: “Es wird einer umso gelehrter sein, je mehr er um sein Nichtwissen weiss” (Die Belehrte Unwissenheit, Buch I, Kap. I) Was bedeutet diese Sichtweise in Deinen Augen für den eigenen Erkenntnisprozess? 

CK: Cusanus befasst sich mit dem zentralen Gebiet der Erkenntnis. Wir sind heute umgeben von einer Welt der Informationen. Wie viel dieser Information wird zu Wissen, das bedeutet, wird individualisiert und von mir bearbeitet, sodass ich daraus auch schöpfen kann?

Je wissender ich werde, d.h. desto grösser mein Horizont des Gewussten ist, desto bewusster kann mir werden wie gross der Horizont von all dem, was noch zu wissen ist, wird. Anders gesagt, je weniger ich weiss, desto weniger Bewusstsein kann ich haben von all dem, was noch zu wissen ist. Und das ist heute in einer Informationsgesellschaft eine ganz zentrale Frage: was wird von all dem zu Wissen, dass mir ermöglicht, tätig, verändernd mit mir selber und mit der Welt im Verhältnis zu stehen? 

Zeitfragen

Das Studium am Goetheanum möchte am Puls der Zeit sein, inwiefern werden aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ganz konkret behandelt? 

CK: Die Gegenwart und ihre Herausforderungen und Möglichkeiten ist der Ausgangspunkt für das Studium, für die Gespräche und die Reflexionen. Zentralen Fragen die sich die Gesellschaft existentiell stellt, wie z.B. unser Bezug zur Wirklichkeit jetzt auch angeregt durch die Digitalen Medien oder was ist Grundlage für eine Ethikheute oder wie verhält sich die Einmaligkeit eines Jeden angesichts der Gemeinsamkeit - die Fragen, die uns jetzt gesellschaftlich sehr bewegen, werden ständig thematisiert, da unser Gegenstand der Erkenntnis das Menschliche ist.

Ich möchte Dich nach einer Vermutung fragen: Könntest Du Dir vorstellen, unter welcher Beschreibung unser aktuelles Zeitgeschehen in 200 Jahren in Geschichtsbüchern zu finden sein wird? 

CK: Wir stehen heute vor immensen Herausforderungen: die Menschlichkeit des Menschen ist in ihrer Fragilität erlebt worden durch das ganze 20. Jahrhundert. Wir wissen, dass es keinen Garant gibt für die Menschlichkeit des Menschen, sie wird mehr und mehr zur Frage und zur Aufgabe. Der Mensch in seinem Verhältnis zur komplexen Welt, die er selber hervorgebracht hat und in die er sich zu orientieren sucht. Die Frage der Zugehörigkeit, der sich gleichzeitig verwebende Zugehörigkeiten. Die grosse Herausforderung in einer Welt zu leben in der Milliarden von Menschen keinen Zugang haben zu all dem, was andere im Überfluss leben. 

Ich denke, unsere Zeit wird als eine sehr spannende Zeit beschrieben werden, der Herausforderungen und der grossen Möglichkeit, Neues zu schaffen, Solidarität zu entwickeln, Erkenntnis neu und in eine die Wirklichkeit verändernde Dimension zu ergreifen. Da kann Anthroposophie einen Beitrag leisten.

Und zum Schluss noch eine Frage: Was ist Deine persönliche Buchempfehlung für Menschen, die das aktuelle Zeitgeschehen verstehen wollen und sich für das Studium am Goetheanum interessieren? 

CK: Die „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner sehe ich als ein zentrales Werk, das sich mitder Frage der Freiheit und somit des Menschlichen im Menschen durch das denkende Erleben auseinandersetzt. 

Ein anderes sehr empfehlungswertes Werk ist das von Hannah Arendt, z. B. „Vita Activa“: da geht es um den handelnden Menschen. Der handelnde Mensch der die Welt verändern und gestalten kann.

„Das Prinzip Verantwortung“, von Hans Jonas ist eine wunderbare Möglichkeit sich mit der grossen Frage der Ethik in einer von Technologie durchsetzten, und also auf grossem Zerstörungspotentialverfügende Gesellschaft zu befassen.

Vielen Dank für das Interview, Constanza! 

CK: Es hat mich sehr gefreut, vielen Dank!